Tag 37: „Vaca con dios“ oder mein Bruder, der Koreaner und die unsichtbare Urkunde

Heute sollte es endlich soweit sein- ich gehe im Pilgerbüro meine Urkunde abholen, die beweist, dass ich den Jakobsweg gegangen bin. Mit Wartenummer ziehen und allem. Soweit der Plan. Es hatte mir ja ein Vöglein in Form eines graubärtigen Engländers gezwitschert, dass die ersten zehn PilgerInnen des Tages ein freies Essen im ersten Restaurant am Platze erhalten. Aus Gründen der Tradition. Seit mehr als dreihundert Kilometern freue ich mich also auf das Gratis-5-Sterne-Essen und nehme mir vor, völlig entgegen allem Stolze wie ein Vollidiot um sechs Uhr in der Frühe anzustehen, als gebe es im örtlichen Pilgerbüro das neueste IPhone. Denn immerhin laufe ich ja den Weg halb aus spirituellen, aber eben auch halb aus kulinarischen Gründen. Doch wie John Lennon schon wusste, passiert das Leben, während man andere Pläne macht.

Denn das Pilgerbüro hat aufgrund des nicht abreissen wollenden Pilgerstroms seine WinterÖffnungszeiten um eine Stunde nach hinten verschoben. So komme ich um 9:55 Uhr an – eigentlich 5 Minuten vor Öffnung und für eine Deutsche dem Klischee nach extrem lässig – und bin Nummer 18 statt >10 = free food= too late!!! Was für ein Trauma. Nein, Spaß. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann bin ich schwer davon abzuhalten. Neue Chance morgen, 7.11.2019. Dann bin ich aber wirklich um 8 Uhr da. Solange gehe ich in die Pilgermesse. Leider ist die Kathedrale wegen Restaurationsarbeiten nicht parat für den traditionellen Pilger-Gottesdienst. Den Apostel umarmen darf ich trotzdem.

Da hinten wartet er, Pilger stehen Schlange, um den in Silber und Edelsteine gewandeten Heiligen zu herzen.
Bei Grün darfst du umarmen, bei Rot musst du stehn.

Im Pilger Büro treffe ich Juan Carlos, meine Wanderbekanntschaft der ersten Woche. Ein Südspanier mit unverwüstlich guter Laune, die ansteckt, statt zu nerven. Ich hänge mich ran an den halben Local, was sich als die beste Entscheidung in Santiago herausstellen soll. Im Schlepptau habe ich meine Wanderbegleitung der letzten 30 Kilometer, Schiffbauingenieur und Familienvater Bak Seok U aus Seoul, der mich nach wenigen Kilometern „kleine Schwester“ nennt. Wohl weil ich mit 37 Jahren zu alt bin, um seine Tochter zu sein, aber er mich mag.

Kleine grosse Schwester und großer kleiner Bruder am Stadteingang von Santiagooooo!

Wir folgen Juan Carlos und fahren 15 Minuten mit dem Bus raus aus der Stadt zu einem Viehmarkt. Farmer aus ganz Galizien handeln hier mit Kühen.

Kühe sind für heute aus.

Das macht hungrig, daher werden gleich neben den riesigen Muh-Hallen in Zelten Oktopusse gekocht – pulpo a feira. Auf einem Holzbrett serviert, speziell gekocht, superfrisch mit Meersalz, Pimiento und Olivenöl bestreut und beträufelt. Außerdem Steak (wir sind ja auf einem Viehmarkt) und dazu Rotwein aus Fässern, Kaffee aus Riesen Alukannen und fluffige, pflastersteingrosse Landbrotstücke. Ein Festmahl!

v. n. l. r. : Name vergessen, Bak Seok U, die rote Zarah und Juan Carlos.

Wir sind die einzigen Nicht- Locals und genießen das beste Essen der Stadt. Mit Rotwein aus Fässern und Kaffee mit selbstgebranntem drin.

Zahnstocher statt Besteck
Kuh auf Fritten an Wein in Tasse.

Gute Gesellschaft und gutes Essen teilen, mit offenem Herzen, das könnte man durchaus als Sinn des Lebens begreifen. Sage ich hiermit.

Und das Gratisessen hole ich mir morgen ab. Aber ehrlich, hier werden Freundschaften geschlossen, besser kann es kaum mehr werden…

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